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Ab gewissem Alter wird jeder besachwaltet

Österreich - 07.02.2005 - von Dr. Ulrike Gogela

Sehr geehrte Frau Justizminister Miklautsch! Sehr geehrte Frau Dr.
Helige! Am Fall meiner Eltern wird sichtbar, dass derzeit in Österreich, wie mir der betreffende Richter sagte, "jeder ab einem gewissen Alter
besachwaltet" wird. Damit wird der alte Mensch zur Sache, die Menschenrechte gelten nicht mehr für ihn.

Meine Eltern schenkten ihr Haus gegen Wohnrecht auf Lebenszeit meinem Bruder. Um sich gegen die drohende Abschiebung ins Pflegeheim noch nachträglich abzusichern, erteilten sie mir eine notariell beglaubigte Vorsorgevollmacht.

Mein Bruder beantragte Sachwalterschaft, bekam sie am Telefon zugesprochen und
Minuten später waren Arzt, Krankenwagen und Gendamerie da, mein Vater wurde ins Bezirkspflegeheim Gramastetten gebracht. Die Brutalität
dieses Gerichtsaktes vergesse ich nie.

Im Pflegeheim wurde mein Vater
sofort mit Psychopharmaka ruhiggestellt. Monate später wurde unter Psychopharmakagaben ein Gutachten erstellt. Damit war die Sachwalterschaft gerechtfertigt.

Gegen Ende seines Heimaufenthaltes saß mein Vater im Rollstuhl und konnte nicht mehr aufstehen. Alle meine Versuche, für ihn Physiotherapie zu erwirken,wurden von Heimarzt und Sachwalter abgelehnt.

Meine Mutter war wegen ihrer fehlenden Zahnprothese völlig
abgemagert. Durch Überdosierung der Psychopharmaka war aus einer
gesunden Frau ein inkontinenter Zombie geworden. Sie war in einem
erbärmlichen Zustand. Ich brachte sie zum Zahnarzt und sie ist dann bei mir geblieben. Rechtlich gesehen hatte ich meine Mutter entführt.

Zweimal musste ich mit meiner 83 jährigen Mutter vor der Polizei
flüchten, denn auf richterlichen Beschluss sollte sie wieder ins
Pflegeheim zwangseingewisen werden.

Ich habe den Richter schriftlich auf den schlechten Gesundheitszustand meiner Eltern aufmerksam gemacht. Der Richter antwortete nicht einmal.

Ich wendete mich an Justizminister Böhmdorfer, Bundespräsident Klestil, Sozialminister Haupt, Stadträtin Landauer, Stadträtin Pittermann, Landesrat Ackerl, Altlandeshauptmann Seniorenbundpräsident Ratzenböck ...
Gerichte sind autonom.
Zivilcourage zeigte der Wiener Pflegeombudsmann Dr. Vogt. Er liess sich nicht einschüchtern u. setzte sich mutig beim Richter in Ober-Österreich für meine Mutter ein. Sie durfte bei mir bleiben. Später gelang es meinem Vater durch einen Spitalsaufenthalt zu mir zu "flüchten".

Wegen Überlastung des Richters blieb meine Eingabe bei Gericht liegen. Inzwischen erfuhr ich durch Zufall, der mit dem Fall befasste Richter wäre in Pension gegangen. Seine Nachfolgerin erklärte mir, das betreffende Gericht wäre gar nicht zuständig. Nun ist der Oberste Gerichshof eingeschaltet.

Meine Frage: wie ist es möglich, dass die Justiz mit alten, hilfsbedürftigen Menschen derart brutal umgeht? Warum wurden meine Eltern nie direkt vom Richter befragt? Warum wurde die mir von meinen Eltern erteilte Vorsorgevollmacht nicht anerkannt?
Warum wurden die von mir angführten Zeugen nicht angehört? Warum wurde der Samariterbund von der Heimleitung daran gehindert, meinen Vater ins Spital zu bringen?
Warum wurde meinen Eltern vom Heimarzt ein von der Krankenkasse durch Einsatz von Volksanwalt Kostelka bewilligter Rehaaufenthalt in einer deutschen Klinik verweigert? Was sollte
verhindert werden? Dass meine Eltern vielleicht doch noch aussagen hätten können? Alte Menschen werden zum Akt, warten rechtlos in Heimen, gefangen auf den Tod.

Das psychische Trauma, das Menschen durch das rücksichtslose Vorgehen der Justiz zugefügt wird, ist von ungeheurem Ausmass.
Im Falle meiner Eltern teilte mir der Richter mit, er hätte in besagtem Pflegeheim (Bezirksaltenheim Gramastetten) viele zufriedene Klienten.
Die zufriedenen Klienten bekommen Psychopharmaka.

In den Zeitungen wurde mehrmals erwähnt, besagtes Heim solle geschlossen werden, da es den
heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht. Trotzdem hat der Richter eine Zwangseinweisung meiner Mutter in eben dieses Heim angeordnet.

Wer steht hinter diesem Heim?
Wer verdient an den alten Menschen?
Wer hat Interesse,dass das Heim nicht geschlossen wird?
Warum wurden im Fall meiner Eltern die angegebenen Zeugen nie
einvernommen?
Warum wird im Internet von Landesrat Ackerl hervorgehoben, OberÖsterreich hätte keinen Heimskandal?
Warum wird den alten Menschen soviel Leid zugefügt?
Ist Ethik für die Justiz ein Fremdwort?
Warum suchen wir nicht gemeinsam nach Lösungen?

In einem mail an Frau Dr. Fekter habe ich verschiedene Vorschläge zur Verbesserung der rechtlichen Situation alter Menschen gemacht. Ob sich zu Lebzeiten meiner Eltern noch etwas ändern wird?

Die Gerichte haben Zeit, aber der Tod wartet nicht.
Mit freundlichen Grüssen,
Dr. Ulrike Gogela

cc:
Pflegeombudsmann Dr. Vogt
Christoph Müller,Chefreporter des Schweizer Fernsehens DRS
ORF
Die Furche
Die Presse
Kurier
Kronenzeitung
Rechtsstaat Austria
Büro gegen Altersdiskriminierung e.V.

Link: http://www.altersdiskriminierung.de/themen/artikel.php?id=804
Quelle: Büro gegen Altersdiskriminierung

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