Diskriminierung melden
Suchen:

Kirchentag in Dortmund: Was für ein Misstrauen!

Foto: H.S.

23.06.2019 - von Karl-Heinz Heinemann

"Was für ein Vertrauen!" Ist die Losung des diesjährigen Kirchentags in Dortmund. Als Vertreter der Rosa-Luxemburg-Stiftung nahm ich am evangelischen Kirchentag in Dortmund teil. Ich erlebte dort das Gegenteil – statt Vertrauen in die Kraft des Wortes Misstrauen, geprägt durch primitive Stereotype. In dem dort von der Stiftung angebotenen Workshop „Imperien des Mammons oder Wege der Gerechtigkeit“ ging es zwar mit keinem Wort um den Israel-Palästina-Konflikt, aber die Beteiligung von zwei mutmaßlichen BDS-Unterstützern (BDS steht für „Boykott, Deinvestment, Sanctionseine Bewegung, die sich mit zivilgesellschaftlichen Mitteln gegen die“, völkerrechtswidrige Besetzung der Westbank durch Israel einsetzt). reichte der Kirchentagsleitung aus, um zu verlangen, entweder die verdächtigen Referenten auszuladen oder die Veranstaltung abzusagen.

Die Veranstalter konnten und wollten sich diesem Druck nicht beugen. ReferentInnen und die trotz offizieller Absage verbliebenen über 30 Teilnehmenden zogen zur Diskussion auf die Wiese vor dem Kirchentagsgelände. Dabei wurden sie verfolgt von einer Gruppe Scouts, die, mit Funk-Knopf im Ohr und Lageplan in der Hand, dafür sorgten, dass das Ganze nicht etwa auf einem Gelände stattfände, über das der Kirchentag noch die Hoheit hätte und die Gruppe aus dem Schatten noch in die pralle Sonne vertrieben.

Da erinnerte ich mich, wie ich 1962 als Pfadfinder beim Katholikentag in Hannover den wichtigen Auftrag bekam, das Gelände rund um den Veranstaltungsort, das Niedersachsenstadion, nach „Propagandaraketen“ abzusuchen, mit denen Kommunisten ihre gedruckten Botschaften massenhaft über den gläubigen Publikum abregnen lassen wollten, so die – unbegründete – Befürchtung. Offenbar, das war meine Lehre aus diesem Auftrag damals, kann das gedruckte Wort sehr gefährlich werden – ein Glaube, der im Laufe meines Lebens leider oft genug enttäuscht wurde, aber das nur nebenbei. In Dortmund jedenfalls schien die Kirchentagsleitung wieder eine Bedrohung durch öffentliches Wort zu fürchten, die sie die Pfadfinder auf sie Spur der Stiftung setzen ließ.

Wir, die „vertriebenen“ Kirchentagsteilnehmenden diskutierten dann gut zwei Stunden mit allen eingeladenen Referentinnen, ohne dass wir uns durch die widrigen Umstände die sicher notwendige Diskussion über Antisemitismus und israelische Besatzungspolitik, über Vertrauen, Misstrauen und Ambiguitätstoleranz aufzwingen ließen.

Das Thema dieses Workshops war der Dialog mit Christen unterschiedlicher Konfession und Muslimen über notwendige gesellschaftliche Alternativen. „Was ist das Gemeinsame zwischen Linken, die sich weltanschaulich oder religiös unterschiedlich verorten?“ fragte Cornelia Hildebrandt als Vertreterin der Veranstalterin. Sabine Plonz und Cordula Ackermann, evangelische und katholische Theologinnen, machten auf die Schwierigkeit aufmerksam, zwischen „linker“, sozialistischer und christlicher Identität und Perspektive zu unterscheiden. Ulich Duchrow, emeritierter Theologe aus Heidelberg, stellte das Eintreten für zureichende Versorgung mit öffentlichen Gütern, Bildung, Gesundheit, Infrastruktur als gemeinsames Projekt vor. Der Moslem Farid Esack aus Südafrika, interpretierte die Positionierung der Debatte an den Rand der offiziellen Veranstaltung als charakteristisch für die kritische Position, aus der heraus man Politik und Visionen entwickeln könne.
Wie ist es zu dieser räumlichen Verlegung der Veranstaltung gekommen?

Der auf derartige Spürarbeiten spezialisierte, unter „antideutschem“ Einfluss stehende Blog der „Ruhrbarone“ hatte herausgefunden, dass zwei der Referenten ein positives Verhältnis zur BDS-Bewegung haben. BDS steht für „Boykott, Deinvestment, Sanctions“, eine Bewegung, die mit zivilgesellschaftlichen Mitteln gegen die völkerrechtswidrige Besetzung der Westbank durch Israel kämpfen will. Nicht zuletzt durch eine Bundestagsresolution wird unterstellt, dass diese Kampagne mit ihrem Eintreten für die Menschen- und Bürgerrechte von Palästinensern gleichzusetzen sei mit Antisemitismus, ja, mit dem Infragestellen des Existenzrechts Israels. Nicht BDS, sondern deren GegnerInnen verknüpfen offenbar die Existenz Israels unmittelbar mit dessen Besatzungsregime.

Die Nähe zweier Referenten zu BDS reichte aus, um zu behaupten, der Stiftung, und gar dem Kirchentag, der solches dulde, ginge es um antisemitische Propaganda – eine Unterstellung, die die Kirchentagsleitung in ihrem Vertrauen derart erschütterte, dass sie die Stiftung vor die Alternative stellte, die inkriminierten Referenten auszuladen oder die Veranstaltung abzusagen.

Erst kürzlich warnte eine Reihe namhafter Theologen, Wissenschaftlerinnen und Vertreterinnen jüdischer Organisationen davor, mit BDS jede Kritik am israelischen Besatzungsregime mit Antisemitismus gleichzusetzen. Diese Ambiguitäten auszuhalten: Israel ist nicht mit „den Juden“ oder dem Judentum gleichzusetzen, und erst recht nicht alle Juden und/oder Israelis mit der Missachtung und Verletzung von Menschenrechten, das scheint selbst der Kirchentagsleitung nicht gegeben. Das Thema des Workshops ließ sich selbst bei bösestem Willen nicht mit Israelkritik in Verbindung bringen. Zumal, wie Cornelia Hildebrandt in ihrer Moderation betonte, die Auffassungen der ReferentInnen zu dieser Frage völlig diametral sind, auch wenn sie, wie in dieser Debatte, in anderen Fragen übereinstimmen.

Einer der beiden auszuladenden Referenten war Prof. Dr. Ulrich Duchrow, emeritierter Theologieprofessor in Heidelberg, war als Ehrengast zum Kirchentag eingeladen. Kairos, die christliche Organisation mit antikapitalistischem Profil, die er vertritt, arbeitet eng mit Christen in Palästina zusammen die dort für die Wiederherstellung der Menschenrechte eintreten – eine Ambiguität, die man hierzulande offenbar nicht mehr aushalten mag.

Farid Esack, der andere auszuladende Referent, islamischer Theologe in Südafrika, dort führend in der Anti-Apartheidsbewegung unter Nelson Mandela tätig, der für die Verständigung von Muslimen und Christen eintritt, ist führender Kopf der BDA-Bewegung in Südafrika. Seine historischen Erfahrungen sind andere als die der Erben eines Volkes, das für das größte Menschheitsverbrechen verantwortlich ist. Auch diesen Widerspruch sollten aufgeklärte Menschen begreifen und aushalten können.

Kirchentagsbesucher, die am Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Diskussion suchten, hatten kein Verständnis für das Verhalten der Kirchentagsleitung. Gerade hat die „Bank für Sozialwirtschaft“ der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ das Konto gekündigt, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin musste zurücktreten, weil er auf Stimmen hingewiesen hat, die vor einer Gleichsetzung der Kritik an der Regierung Netanjahu mit Antisemitismus warnten.

Hätte sich die Rosa-Luxemburg-Stiftung dem Verdikt der Kirchentagsleitung widerstandslos gebeugt, hätte sie sich ihrem Auftrag entzogen, die Debatte über kontroverse Sachverhalte auch offen zu führen. „Was für ein Vertrauen“, das Motto des Kirchentags, heißt es nicht auch zu vertrauen in die Fähigkeit von Menschen, Mehrdeutigkeiten auszuhalten?

Karl-Heinz Heinemann,
Vorsitzender des Vorstands der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW

Quelle: Mail an die Redaktion