24.12.2005 - von Hanne Schweitzer
Im Neoliberalismus kommt es bekanntlich darauf an, dass das uns Abverlangte nicht mehr als solches kenntlich ist, sondern Teil des eigenen Wollens wird.
Entsprechend sind die Bemühungen diverser Beratungsunternehmen zu interpretieren. Plötzlich propagieren die selben Berater, deren Beratungsmantra jahrzehntelang in der Entlassung älterer Mitarbeiter bestand, eine Kehrtwende sondergleichen.
Angst vor dem Wissensverlust in den Unternehmen hat sie befallen. Dieser hat in ihrer Logik keinesweges mit der jahrzehntelange propagierten und realisierten Praxis perfidester Diskriminierung und Entlassung älterer MitarbeiterInnen zu tun, nein, ganz plötzlich und völlig unerwartet sind wir vom Wissensverlust bedroht. Ursache dieses Wandels ist die Tatsache, dass in Zukunft weniger Junge von unten nachkommen, und die Alten, auch wenn sie länger arbeiten, als bisher, irgendwann dann doch aufhören.
Da es als Folge der Frühverrentungen kaum noch gemischtaltrige Gruppen in den Unternehmen gibt, soll die selbstgeschaffene demographische Getthoisierung nun durch unternehmensberaterische Larifari-Niedlichkeiten aufgebrochen werden.
Dazu gehört die Bildung von Lernpärchen, Mentorensystemen oder BigBrother-Systemen. Wie auch immer die Chose heißt, gemeint ist: Ein Älterer, dem jahrzehntelang vermittelt wurde, seine Ellenbogen zu benutzen, soll plötzlich mit Hingabe dem jüngeren Kollegen sein erworbenes Wissen zugänglich machen. Und damit er´s tut, wird er nicht länger wegen seines Alters diskriminiert, sondern als unersetzlicher, kompetenter, erfahrener Wissenträger umschmeichelt.
In der produzierenden Industrie tut man sich nicht so einen Deu an. Hier geht es darum, Arbeitsplätze zu kreieren, die möglichst wenig Verschließerscheinungen verursachen. VW hat zum Beispiel das Programm "Work2work" aufgelegt. Ziel ist es, altersgerechte und Verschleiß verhindernde Arbeitsplätze zu entwickeln, um das vorzeitige Ausscheiden von Mitarbeitern aus Krankheitsgründen zu vermeiden, dass jahrzehntelang Anlass für Frühverrentungen gewesen ist.
Hintergrund dieser Aktivitäten ist die Hochrechnung, dass das Potenzial an Erwerbspersonen bis 2040 (das sind immerhin noch 35 Jahre) hierzulande um 14 Millionen sinken wird. Wieviele Arbeitsplätze im gleichen Zeitraum durch Maschinen ersetzt werden oder ins Ausland verlagert werden, davon ist im Zusammenhang mit den neuen Betätigungsfeldern der Beraterfirmen nicht die Rede.
Hanne Schweitzer 24.12.2005
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