25.04.2026
Am 25. April 2026 gehen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in zahlreichen Städten erneut auf die Straße. Nach den vorangegangenen Protesten ist dies bereits der dritte bundesweite Protesttag gegen die Kürzung psychotherapeutischer Honorare um 4,5 Prozent und gegen die fortschreitende Schwächung der ambulanten Versorgung. Die Demonstrationen werden vom unabhängigen Aktionsbündnis Psychotherapie organisiert.
Die Proteste finden unter anderem in Lübeck, Göttingen, Karlsruhe, Siegburg, Stuttgart, Lörrach, Dortmund, Detmold, München, Freiburg, Köln und Bielefeld statt. Weitere Aktionen sind in Planung. Mit dem dritten Protesttag wird deutlich: Der Widerstand ist keine kurze Reaktion, sondern Ausdruck eines wachsenden Unmuts in der Profession.
Psychotherapeuten wenden sich gegen eine Politik, die ausgerechnet an einer Stelle kürzt, an der der Bedarf seit Jahren hoch ist. Wartezeiten, hohe Nachfrage und eine zunehmende Belastung der Bevölkerung prägen die Versorgungslage. Trotzdem werden die wirtschaftlichen Grundlagen vieler Praxen weiter unter Druck gesetzt. Die Proteste richten sich deshalb nicht nur gegen eine Honorarkürzung, sondern gegen ein politisches Signal, das von vielen Behandlern als Missachtung ihrer Arbeit verstanden wird.
„Dass wir inzwischen einen dritten bundesweiten Protesttag organisieren, zeigt, wie tief der Unmut sitzt“, erklärt Dieter Adler, 1. Vorsitzender des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks (DPNW). „Viele Kolleginnen und Kollegen haben die Nase voll davon, für strukturelle Probleme verantwortlich gemacht zu werden, die politisch verursacht wurden. Wer die psychotherapeutische Versorgung schwächt, verschärft am Ende die Not der Patienten.“
Mit den Protesten soll auch öffentlich sichtbar werden, dass Psychotherapie kein Randthema ist. Sie ist ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Gesundheitsversorgung. Wer hier kürzt, spart nicht klug, sondern verschiebt die Kosten in die Zukunft – in Form chronischer Verläufe, längerer Erkrankungen, Arbeitsausfällen und persönlicher Krisen.
Die Organisatoren rechnen erneut mit einer breiten Beteiligung. Ziel ist es, den politischen Druck weiter zu erhöhen und klarzumachen, dass die Protestwelle nicht abebbt. Der dritte Protesttag ist daher nicht Abschluss, sondern Teil einer anhaltenden Mobilisierung.
Aktuelle Demos am 25.04.2026:
Detmold (Bruchberg) – 10:00 Infostand, 11:00 Kundgebung
Lörrach – 10:30 Marktplatz
Mainz – 11:00 bis 14:00 Gutenbergplatz Denkmalseite (Info-Aktion)
Dresden – 11:00 bis 15:00 Prager Str./Ecke Centrum-Galerie (Info-Aktion)
Villingen – 11:00 bis 14:00 Latschariplatz
Lübeck – 13:00 Holstentorplatz
Dortmund – 13:00 Friedensplatz
München – 13:00 Sendlinger Straße 61 (Mahnwache, Open Mic, Redebeiträge)
Bielefeld – 13:30 Jahnplatz
Karlsruhe – 14:00 bis 17:00 Friedrichsplatz (Info-Aktion)
Leipzig – 14:00 Picknicken und Protestbriefe schreiben (Parkfest im Rabet, Info Aktion)
Würzburg – 14:00 Hauptbahnhof, Demozug zum Vierröhrenbrunnen
Siegburg – 14:30 Marktplatz (Info-Aktion)
Göttingen – 15:00 Nabel
Stuttgart – 15:00 Wiese am Eckensee oberer Schlossgarten, 15:45 Uhr Demozug Schlossplatz, 16:45 Uhr Kundgebung Marktplatz
Heidelberg – 16:00 Spaghetti-Säule, Bismarckplatz (Info-Aktion)
Regensburg – 16:00 Neupfarrplatz
Köln – 16:00 bis 18:00 Alter Markt (Info-Aktion)
Freiburg – 16:00 Stühlinger Kirchplatz (Kundgebung), 16:30 Fahrrad-Demozug
Kassel – 16:00 Platz der 11 Frauen (Demozug über die Friedrich-Ebert- & Fünffensterstraß zum Königsplatz)
Bremen – 18:00 Marktplatz
Weitere geplante Aktionen in Sachsen:
Fr. 01.05. um 10:00 Uhr in Leipzig: Radtour "Strampeln für Solidarität" Start Anton-Bruckner-Allee
Link: Link
Fr. 29.05. um 16:30 Uhr in Leipzig: Demo "Weiterbildung jetzt finanzieren!" (Augustusplatz) in Solidarität mit dem PtW-Forum und PsyFaKo
Link: Link
Folgender Link wird regelmäßig mit Informationen zum Aktionsbündnis Psychotherapie in Sachsen aktualisiert:
Link
Das PtW Forum und die PsyFaKo planen auch Aktionen zum Thema Finanzierung der Aus- und Weiterbildung!
02.05. Landau
07.05. Freiburg, Platz der alten Synagoge, 17:30 Uhr
08.05. München, Geschwister-Scholl-Platz, 17:00 Uhr
09.05. Hamburg, Audimax, Uni, 15:45 Uhr
09.05. Bamberg, Bahnhofsvorplatz, 14:00 Uhr, Kundgebungen am Maxplatz ab 15 Uhr
20.05. Trier
20.05. Tübingen
20.05. Konstanz
21.05. Berlin
29.05. Leipzig, 16:30 Uhr
30.05. Jena, Johannistor 14:00 Uhr
Bitte schauen Sie nach aktuellen Updates direkt hier: protesttag.de
Spieltheorie des Psychotherapie-Honorars
Die Honorarkürzung vom 11. März 2026 ist kein Ausreißer. Sie ist die sechste Iteration eines wiederkehrenden Spiels, das seit Einführung des Psychotherapeutengesetzes 1999 läuft. Diese Analyse zerlegt das Spiel: Welche Spieler stehen einander gegenüber, welche Strategien verfolgen sie, und warum ist das resultierende Gleichgewicht so stabil?
Die Analyse beschreibt die aktuelle Honorarkürzung für Psychotherapie nicht als Einzelfall, sondern als Teil eines seit 1999 laufenden Zyklus: GKV-Spitzenverband setzt zu niedrig an, KBV und Berufsverbände klagen, das Bundessozialgericht korrigiert Jahre später teilweise – danach beginnt der Zyklus von vorn. Für Psychotherapeuten ergibt sich so ein Zickzack aus Untervergütung und verspäteten Nachbesserungen, während die ärztlichen Honorare kontinuierlicher ansteigen.
Spieltheoretisch wird das als stabiles, aber schlechtes Gleichgewicht beschrieben. Die zentralen Spieler sind GKV-Spitzenverband, KBV, erweiterter Bewertungsausschuss, BSG/BVerfG sowie als indirekte Akteure Kammern, Verbände, Patienten und die Niedergelassenen selbst. Jeder handelt aus seiner Sicht rational: Die GKV verfolgt eine „Lowball and Wait“-Strategie, weil sie kurzfristig immer gewinnt und ein späterer Prozess sie nicht ernsthaft schmerzt. Die KBV zeigt symbolischen Widerstand, hat aber ein strukturelles Vertretungsproblem, weil ihre Hauptklientel die somatischen Ärzte sind. Die Psychotherapeuten können zwar klagen und mobilisieren, tragen aber die Einkommenseinbußen und die Zeitverzögerung. Das BSG greift nur begrenzt korrigierend ein und verändert das System nicht grundsätzlich.
Dadurch entsteht ein Nash-Gleichgewicht: Kein Akteur hat einen Anreiz, allein seine Strategie zu ändern, obwohl das Gesamtergebnis schlecht ist – chronische Untervergütung, lange Wartezeiten, Folgekosten im übrigen Sozialsystem. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass die aktuell politisch geforderte Rücknahme der 4,5-prozentigen Kürzung zwar wichtig, aber strategisch zu kurz gegriffen ist, weil sie das Grundmuster nicht beendet.
Als eigentliche Auswege werden zwei strukturelle Hebel benannt: Erstens ein eigenes Stimmrecht der Psychotherapie im Bewertungsausschuss, das die Interessenkonflikte der KBV entschärfen würde. Zweitens eine algorithmische, transparente Honorarformel, die Verhandlungsspielräume stark reduziert und die Honorierung an Inflation, Auslastung und Versorgungsbedarf koppelt. Beide Ansätze zielen nicht nur auf höhere Honorare, sondern auf einen Wechsel der Spielregeln. Die Kernthese lautet: Solange die Berufsgruppe nur versucht, innerhalb des bestehenden Systems bessere Ergebnisse zu erkämpfen, wiederholt sich der Zyklus. Um ihn zu durchbrechen, muss das „Spiel“ selbst geändert oder abgeschafft werden.
Kritik an Desinformationskampagne des GKV-Spitzenverbands
Berichtet lpk-rlp.de
Der GKV-Spitzenverband (GKV-SV) versucht, die vom Erweiterten Bewertungsausschuss beschlossene Honorarkürzung für psychotherapeutische Leistungen mit Falschbehauptungen glaubhaft zu machen. Das ist unredlich und hat mit einer fachlichen und lösungsorientierten Auseinandersetzung über Fragen der Versorgung und Honorierung in der Psychotherapie nichts zu tun.
Entgegen der Faktenlage behauptet der GKV-SV, die Honorare der Psychotherapeut*innen hätten rund 10 Prozent über dem Durchschnittshonorar der ärztlichen Vergleichsgruppe gelegen und auch nach der Absenkung würde das Vergütungsniveau noch immer über dem der ärztlichen Vergleichsgruppe liegen.
Dies ist gleich in dreifacher Hinsicht falsch: !!!
1. Die tatsächlichen Honorare der Psychotherapeut*innen wurden vom Bewertungsausschuss gar nicht betrachtet, sondern die theoretisch erzielbaren Einnahmen einer maximal ausgelasteten Musterpraxis mit 36 Behandlungsstunden genehmigungspflichtiger Psychotherapie, die zusätzlich weitere obligatorische Leistungen, wie probatorische Sitzungen, die biografische Anamnese, Berichte an den Gutachter etc., erbringen muss.
2. Die für die ärztliche Vergleichsgruppe angesetzten Durchschnittshonorare beziehen sich ausschließlich auf GKV-Einnahmen. Die Arbeitszeiten und Vergütungen für die Behandlung von Privatversicherten, Selbstzahler*innen inklusive IGeL-Leistungen und Unfallversicherten werden ausgeblendet.
3. Die theoretisch erzielbaren Einnahmen der Psychotherapeut*innen im Jahr 2026 wurden mit den realen durchschnittlichen GKV-Einnahmen der Ärzt*innen von vor zwei Jahren verglichen. Die in der Zwischenzeit erfolgte Erhöhung der Vergütung um immerhin 6,8 Prozent blieb unberücksichtigt.
Mit dem der Angemessenheitsprüfung zugrunde liegenden Berechnungsmodell des Bundessozialgerichts sollte eine zu starke Ungleichbehandlung bei der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen durch eine Mindestvergütung verhindert werden. Der GKV-SV hat im Zusammenspiel mit dem unparteiischen Vorsitzenden des Erweiterten Bewertungsausschusses daraus unzulässigerweise eine Maximalvergütung abgeleitet. Es ist erschreckend, dass sogar die FinanzKommission Gesundheit in ihrem ersten Bericht diese Falschbehauptungen wiederholt, um eine Rückführung der Psychotherapie in die Morbiditätsorientierte Gesamtvergütung zu begründen und damit einen erheblichen Verlust von Behandlungskapazitäten in Kauf zu nehmen. Das ist einer die Regierung beratenden Kommission nicht würdig. Mit der Re-Budgetierung und der damit verbundenen Mengenbegrenzung der ambulanten Psychotherapie würden der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung Therapieplätze in erheblichem Umfang verloren gehen. Insbesondere viele Psychotherapeut*innen mit hälftigem Versorgungsauftrag könnten dann nicht mehr im bisherigen Umfang Behandlungen für GKV-Versicherte anbieten. Der Zugang zur Versorgung würde sich erheblich verschlechtern und Wartezeiten auf einen Therapieplatz würden sich weiter verlängern.
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