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Zwangsrentenalter kein Thema für Staatssekretär

11.05.2003 - von Hanne Schweitzer

"Wir müssen die Kraft des Alters besser nutzen", meint Staatssekretär Ruhenstroth-Bauer, beschäftigt im Bundesministerium für Familie, über die Produktivität älterer Menschen. Er fährt fort: "Ältere Menschen sind ein Aktiv-Posten in unserer Gesellschaft. Vor allem bei der Erwerbstätigkeit älterer
Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen hinkt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinter her. Unsere Wirtschaft muss sich auf den demografischen Wandel einstellen, wenn sie nicht abgehängt werden will."

Dies sagte der Staatssekretär bei der Fachtagung "Wirtschaftliche und gesellschaftliche Produktivität älterer Menschen in der Bundesrepublik Deutschland".

Hintergrund: In den skandinavischen Ländern sind über 60 Prozent der älteren ArbeitnehmerInnen zwischen 55 und 64 Jahre erwerbstätig, in der Bundesrepublik Deutschland sind es gerade mal 39 Prozent.

41 Prozent der hiesigen Betriebe beschäftigen niemanden, der über 50 Jahre alt ist.
Merkwürdigerweise hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) in einer Firmenbefragung unlängst ermittelt, dass 55 Prozent der
befragten Personaler Ältere für genauso leistungsfähig wie Jüngere halten. Nur 16 Prozent meinen, dass Ältere weniger motiviert seien als Jüngere.

"Die Bundesregierung schafft die Voraussetzungen, die Potenziale des Alters zu erschließen", sagt der Staatssekretär. "Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten und wir alle müssen für ein neues Bewusstsein zur Stärkung des aktiven Alters eintreten. Wir müssen eine längere Beteiligung am Erwerbsleben und eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben mit den Bedürfnissen und Möglichkeiten älterer Menschen verknüpfen. Viele wollen nicht früher in Rente gehen, sondern bis zum gesetzlichen Renteneintritt arbeiten", so Ruhenstroth-Bauer, der sich nicht recht vorstellen kann, dass "viele" so lange arbeiten wollen, wie sie wollen, und dass noch mehr "viele" so lange wie möglich arbeiten müssen, einfach deshalb, weil ihre Renten minimal ausfallen.

Komisch ist, dass im Bundesfamilienministerium erst jetzt, am Ende der zweiten Legislaturperiode der Groschen fällt! Die Probleme - sowohl des demografischen Wandels, als auch der zunehmenden Weigerung der Unternehmen, über 35jährige Arbeitsuchende einzustellen, sind ja nun wirklich nicht erst seit heute bekannt.

Warum hat die ROT/GRÜNE- Koalition, die das bei Amtsantritt älteste Kabinett aller Zeiten auf die Politbühne schickte nicht schon zu Beginn ihrer Regierungszeit angefangen, Altersdiskriminierung zu ächten und etwas dagegen zu unternehmen?

Warum hat sie die Richtlinie zur Verhinderung von Altersdiskriminerung in Beruf und Beschäftigung nicht fristgerecht im Jahr 2003 umgesetzt, sondern stattdessen eine Verlängerung für drei Jahre beantragt?

Warum hat sich das Bundesfamilienministerium, das bekanntlich die Federführung bei der Erarbeitung eines Gesetzes gegen Diskriminierung übernommen hat, nicht in den Staaten schlau gemacht, in denen Gesetze gegen Altersdiskriminierung schon seit Jahrzehnten in Kraft getreten sind?

Warum war kein/e hochdotierte/r Mitarbeiter/in aus dem Ministerium bei der ersten Lesung des AD-Gesetzes im Bundestag anwesend?

Warum gibt es bis heute keine kräftige Reaktion zum derzeitigen Gesetzentwurf gegen Diskriminierung aus dem Bundesfamilienministerium?

Ist das Desinteresse, Faulheit, Verzögerungstaktik, Kohlsche Aussitzerei, Dummheit?

Warum sagt das Bundesfamilienministerium nicht, dass die heute so lauthals gepriesene "Finanzkraft der Alten" in den nächsten Jahrzehnten nur noch auf jene Minderheit Berufstätiger zutreffen wird, die in ihrem Berufsleben weder von Arbeitslosigkeit, noch von Krankheit oder einer Zwangsverrentung betroffen waren? Die also genug verdient haben, um eine Rente zu beziehen, die sie vor Altersarmut verschont?

Ist das Kohlsche Aussitzerei, AugenzuunddurchTaktik, Unwissenheit, Desinteresse, oder NachmirdieSinnflutDenke?

Link: http://www.altersdiskriminierung.de/themen/artikel.php?id=2302
Quelle: PM Bundesfamilienministerium

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