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Seniorenwohnanlage: Zertifizierung bewirkt nichts

Meiningen, 2015 Foto: H.S.

14.09.2011 - von der Redaktion bekannt

Auszüge aus dem Bericht des Mieters einer städtischen Wohnanlage für SeniorInnen in einer westdeutschen Großstadt:

"Uns wurde die Miete gerade von ca. 300,- Euro auf 500,- Euro erhöht, angeblich auch wegen der Zertifizierung nach DIN 77800." Die Seniorenwohnanlage besteht aus 72 Wohneinheiten und seit Sommer 2010 ist sie nach "DIN 77800 Betreutes Wohnen" zertifiziert, was ja der Vergleichbarkeit solcher Anlagen und ihrer Qualitätssteigerung dienen soll. Das Wohnen in der Anlage kostet pro Quadratmeter Netto-Kaltmiete 7 Euro 81, dazu kommt eine Betriebskostenpauschale pro Quadratmeter von 4 Euro 74. Mieter müssen ausserdem einen gesonderten Betreuungsvertrag abschließen. Der kostet - pauschal für Grundleistungen, die auf der Webseite (Stand 4.9.2011) aufgeführt sind, weitere 98 Euro pro Monat. Zu den Grundleistungen gehören:
- Notruftelefon
- Haustechnischer Service
- Telefonische Ansprechbarkeit einer festangestellten Sozialarbeiterin (oder vergleichbare Qualifikation)
- Feste Sprechstunde vor Ort, 1-2 x pro Woche mit umfassendem Beratungsangebot und Informationen
- Vermittlung von weiteren Service-, Betreuungs- oder Pflegeleistungen auch anderer Anbieter
- Gruppen- und Freizeitangebote (kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt nutzbar und zu Fuß zu erreichen)

Für diese Aufgaben steht für die MieterInnen der 72 Wohneinheiten mindestens eine Vollzeitstelle zur Verfügung. Wie das in der Realität aussieht, beschreibt ein Mieter der Seniorenwohnanlage so:

"Wohnungsmängel werden nur sehr widerwillig beseitigt. Ich habe vorher in der Wohnung einer Wohnungsgenossenschaft gewohnt. Wenn man dort eine Wohnungsmängelmeldung über das Internet kurz gemeldet hat, war schon am nächsten Tag der Brief da, dass eine entsprechende Fachhandwerkerwerkstatt mit dem Auftrag betreut war und es stand auch gleich die Telefon-Nummer der Fachhandwerkerwerkstatt dabei, zwecks Terminabsprache.

In der Seniorenwohnanlage, in der ich nun wohne, läuft es so, dass erst bis zu fünfmal irgendwelche Betreuer/innen oder Allround-Hausmeister kommen, die oft nur dumme, menschenunwürdige Kommentare abgeben, aber das Ganze nicht beheben können. Wenn man dann nicht locker lässt, kommt evtl. beim sechsten Mal ein richtiger Fachhandwerker, der das Ganze in sehr kurzer Zeit behebt.

Ein kleines Beispiel: Ich habe eine Wohnung bekommen, die in keinster Weise renoviert war, die Einbauküche war auch in einem üblem Zustand, das Badezimmer voller Löcher, die Lichtschalter und die Steckdosen in der Küche und im Badezimmer waren lose. Mein Wohnzimmerfenster klapperte seit meinem Einzug. Es kam ein Hausmeister, der fummelte eine Stunde an meinem Fenster herum, schaffte es nicht, das Klappern abzustellen. Dann meinte er zum Überfluss, dass das Fenster ja noch nicht herausfallen würde, und ich deshalb in einen Baumarkt gehen sollte, um das Klappern (nachkriegsmäßig) per Schaumstoffklebeband, was er selbst auch nicht dabei hatte, abzustellen. Nun bin ich kein Handwerker und einen Baumarkt gibt es hier auch nicht in der Nähe. Auf meinen Protest hin, unten bei den Betreuerinnen, kam dann tatsächlich ein Tischler, der das Ganze fachmännisch behob, in einer Stunde.

Man stelle sich das einmal vor, die alten, kranken Bewohner/innen werden aufgefordert in den, nicht vorhandenen Baumarkt zu gehen, und ihre Wohnungsmängel selbst zu reparieren, wenn der Hausmeister nicht mehr weiter weiß! Das ist alles eine Riesenzumutung für einen älteren, kranken Menschen. Ich bin das ja nicht allein, mir wurde das von anderen ganz genauso berichtet. Das kann doch alles auch nicht im Sinne der DIN Norm 77800 sein.

Solche Sachen habe ich hier schon oft erlebt, man möchte anscheinend möglichst sparen und die Bewohner/innen anscheinend dazu bringen, daß sie die Handwerker selbst kommen lassen und bezahlen, was ja auch bei vielen alten Menschen, die sich nicht so wehren können, wie ich, Erfolg hat, wie ich im Haus gehört habe."

Besonders empört ist der Mieter der Seniorenwohnanlage darüber, dass "nur neue Bewohner ein Hausnotrufgerät bekommen, obwohl das Gerät laut Webseite der Seniorenwohnanlage zu den Grundleistungen der Betreuungspauschale gehört. Die Leute, die schon länger hier wohnen und sozusagen zum „Bestand“ gehören, müssen aber 50,- Euro monatlich extra zahlen, wenn sie so ein Gerät haben wollen, oder sie werden genötigt zu unterschreiben, dass sie freiwillig auf einen Hausnotruf verzichten!"

Der Mieter der Seniorenwohnanlage wendet sich deshalb mit seiner Beschwerde an eine DIN-Bewertungsgesellschaft und ein Zertifizierungs-Institut.

Die DIN-Bewertungsgesellschaft schreibt ihm:

"Aus gegebenem Anlass Ihrer besorgniserregenden Informationen über die Seniorenwohnanlage in xx, haben wir unseren Gutachter beauftragt eine Untersuchung in Bezug auf die Zertifizierung "Betreutes Wohnen" nach DIN 77800 durchzuführen. Zur Erstellung der DIN 77800 haben sich interessierte Kreise gefunden und Kriterien wie: Bereitstellung und Bewertung des haustechnischen Services, Nutzung und Bewertung von Betreuungsdienstleistungen, Betreuungspersonen, Notruf, Nutzung und Bewertung von Wahlleistungen, Bewertung des Wohnangebots, Vertragsgestaltung, Bewertung der Maßnahmen zur Qualitätssicherung erarbeitet und definiert.

Diese Kriterien werden im Rahmen der Zertifizierung begutachtet.

Als Ergebnis müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass es nicht möglich ist, alle Kriterien für das Wohlbefinden in einer solchen Einrichtung zu definieren. Insofern betreffen Ihre Reklamation nicht den Sachverhalt bzw. Inhalt der Zertifizierung "Betreutes Wohnen". Anbei erhalten Sie den Bericht über die Untersuchung Ihres Sachverhaltes."

Über die Einhaltung der "DIN Norm 77800 Betreutes Wohnen" in der Seniorenwohnanlage enthält das Gutachten des Zertifizierungs-Instituts Folgende Sätze:

"Bei der Wohnanlage xx handelt es sich um eine Bestandswohnanlage mit Bestandsmietverträgen, die nicht allesamt vorsehen, dass die Mieterinnen und Mieter obligatorisch einen Hausnotruf haben bzw. sich an den Hausnotruf anschließen müssen. Daher hat es nach meiner Kenntnis und auch nach Einbeziehung in das Zertifizierungsverfahren die Wohnanlage xx konzeptionell übernommen, allen Bestandsmieterinnen und Mietern 1. die Anbindung an das Notrufsystem nahezulegen und offensiv anzubieten, und 2. im Fall, dass die Anbindung abgelehnt wird, sich ein Revers von diesen Mieterinnen und Mietern unterschreiben zu lassen, dass sie in Kenntnis aller Gesamtumstände bewusst auf die Installation des Hausnotrufgeräts verzichten.
Ob dies im vorliegenden Fall so gehandhabt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn Herr x. ein Notrufgerät haben möchte, so kann er sich nach meiner Kenntnis nach wie vor an die zuständigen BetreuungsmitarbeiterInnen wenden; sodann wird ein entsprechendes Gerät installiert. Insofern werden die Normanforderungen nach den Ergebnissen der Prüfung eingehalten."

Die Norm-Anforderungen werden also demnach eingehalten. Wie kann das möglich sein? Entspricht es der DIN-Norm 77800, dass in der Seniorenwohnanlage zwischen alten und neuen Mietern unterschieden wird? Entspricht es der Norm, dass nach Auskunft des Mieters der Wohnanlage alle Bestandsmieter, die ein Notrufgerät haben möchten, dieses mit ca. 50 Euro pro Monat extra bezahlt werden muss und noch dazu die Installationskosten des Geräts? Was ist das für eine Norm oder Zertifizierung, die es der Webseite der Wohnanlage gestattet, eine andere Information zu verbreiten, als die, die der Realität entspricht? Was ist das für eine Prüfung der Beschwerde, die nicht darauf eingeht, wer die Kosten für eine solche Anlage trägt? Das kann doch nicht im Sinne einer glaubhaften und vor allem sinnmachenden Zertifizierung sein, die ja bekanntlich ein ein gutes Geschäft sind und nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Dazu der Mieter der Wohnanlage:
"Man hört zu Recht von allen Bewohner/innen nur Hohn, Spott, Verzweiflung und Verbitterung über das sogenannte "Zertifikat" und über das "Betreute Wohnen". Wir alle merken hier nichts davon. keine Veränderung, kein Notrufgerät, die Umstände sind eher schlimmer geworden. Es ist nicht einfach, ein Notrufgerät zu bekommen. Es ist nur für teures Geld zu erhalten! Dafür brauche ich die "Betreuerinnen" aber nicht. Dafür kann man es sich selbst bei einer Organisation seiner Wahl bestellen. Viel preiswerter.

Man kann es auch so zusammenfassen: Die DIN Zertifizierung "Norm 77800 Betreutes Wohnen" hat für mich und ca. 95 % der Bewohner/innen, außer einer saftigen Mieterhöhung überhaupt keine Verbesserung oder Veränderung gebracht und - kein Hausnotrufgerät."

Der Mieter der Seniorenwohnanlage fügt hinzu: "Ich kann es mir gesundheitlich und finanziell nicht leisten, schon wieder umzuziehen."

Und als Ps: "Ich habe ich von einer "neuen" Mieterin erfahren, daß Sie auf einmal monatlich zusätzlich zu den horrenden Mietpreisen, in denen ja angeblich das Hausnotrufgerät schon dabei ist, sie nun auf einmal eine erheblich Summe, ca. 40 Euro zusätzlich für den Hausnotruf zahlen muß. Sie weiß nicht genau warum, zahlt aber widerstandslos und ohne nachzufragen, wie es viele alte Menschen hier machen."

Link: Seniorenwohnanlage Schön & Unverschämt
Quelle: Büro gegen Altersdiskriminierung

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12.07.2011: Seniorenwohnanlage Schön & Unverschämt
21.06.2010: Handlauf abgelehnt von Eigentümerversammlung
02.01.2010: Wohnen im Alter: Themenheft der LSV Thüringen

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