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Detlef Hartmann - Krisen, Kämpfe, Kriege - Band 2 BUCHTIPP

Foto: H.S.

08.10.2019 - von Hanne Schweitzer

Blasen und Krisen und Kriege braucht der Kapitalismus, um sich zu erneuern, Innovationsschübe zu erreichen und die Individuen so zuzurichten, wie sie gerade benötigt werden. Bei Marx und Engels im Kommunistischen Manifest liest sich das so: "Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente fortwährend zu revolutionieren."

Im zweiten Band von Detlef Hartmanns Werk "Krisen, Kämpfe, Kriege -innovative Barbarei gegen soziale Revolution / Kapitalismus und Massengewalt im 20. Jahrhundert", untersucht Hartmann das "Wüten im Fortschritt". Im Mittelpunkt seiner Analysen, die er mit Beispielen aus allen Teilen der Welt belegt, stehen die Sozialstrategien des Taylorismus bzw. des Fordismus. Dieser veränderte nicht nur die Produktionsbedingungen. Er erzwang einschneidende Änderungen der traditionellen Lebensweisen, die ein Hindernis für reibungslose Kapitalakkumulation waren.

Hartmann: "Es war ursprünglich die Sehnsucht nach Kommunismus, das Beharren auf dem Recht auf Existenz und einer gerechten Welt, in der alle ihr Auskommen haben würden und selbstbestimmt leben könnten, gegen die der Kapitalismus einen umfassenden Innovationsangriff und Krieg entfesselte. Umfassend, denn er zielte auf die Zerstörung der sozialen Verhältnisse, die diese Sehnsucht trugen. Er zielte auf die Vernichtung der Arbeits- und Lebensformen und auf die Liquidierung der Mentalitäten, um sie für den Betrieb einer Gesellschaft der Massenproduktion und des Massenkonsums unter dem Kommando des Kapitals zu reorganisieren."

Im Kapitel 2.1. z.B. zitiert der Autor aus einem Brief aus dem Jahr 1907, geschrieben von Walter Rathenau. Der war damals für die AEG tätig: "Bei der Schaffung der angewandten Elektrotechnik handelt es sich um die Entstehung eines neuen Wirtschafts-Gebiets und um eine Umgestaltung eines großen Teils aller modernen Lebensverhältnisse, die nicht vom Konsumenten ausgehen, sondern vom Produzenten organisiert und gewissermaßen aufgezwungen werden musste." Eine wichtige Rolle bei dieser gesellschaftlichen Transformation spielte und - das drängt sich auf beim Lesen des Werks, ob man will oder nicht, spielt die Kriegsökonomie.

Ein Beispiel: der 1. Weltkrieg
1914 richteten Wichard von Moellendorff und Walther Rathenau "unter dem Druck der englischen Seeblockade die "Kriegsrohstoffabteilung (KRA)" ein. Schon damals galt: "Wer die Rohstoffe kontrollierte, hatte die Wirtschaft in der Hand und damit das gesellschaftliche Leben." In der KRA konzentrierten sich "Unternehmer, ihre Stäbe, Wissenschaftler, von ihnen hinzugezogene Experten aus Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen. ... Sie setzten die (Ende 1914 durch fehlende Muniton) festgefahrene Kriegsmaschine wieder in Gang und brachten sie auf den Weg in den totalen Krieg."

Rathenau: "Wir wussten, dass diese Wirtschaft neu geboren werden musste ... . Also machte er sich an die Arbeit und konnte schon nach einem Jahr verkünden: "Die Gesamtwirtschaft der Metalle ist geordnet, ebenso die der Chemikalien ... . Ich habe den Bau großer Salpeterfabriken in die Wege geleitet, die von der Privatindustrie mit Staatssubventionen errichtet werden sollen ... ." Folge: Die Kapazitäten der Produktion wurden ständig erweitert, die Wachstumsraten der kriegswichtigen Industrien stiegen. Ungefragt priesen "Wissenschaftler wie industrielle Führungskräfte die taktischen Vorteile von Giftgaseinsätzen".

"Standardisierung, Normung und Rationalisierung, Massenproduktion, Massenarbeit und der Übergang zur Beschäftigung von ungelernten, vor allem Frauen und Jugendlichen, waren die ... verfolgten Strategien", um immer mehr "Todeswaren" an die Front zu bringen. "Die Normierung und Standardisierung der Zwischen- und Endprodukte wie auch die Mechanisierung und Serialisierung des Produktionsprozesses zielten sowohl auf Erhöhung der Produktivität, als auch auf die weitere Zurichtung und Unterwerfung der Arbeiter*innen ab. ... Diese Zurichtung und Homogenisierung von Arbeit und Arbeiter*innen zu - mit Rathenau - einer >lebenden Maschinerie ... (aus) massenhaft produzierbaren und auswechselbaren Teilen < (!) fand seine Entsprechung im Tötungs- und Vernichtungsprozess an der Front ... ."

Diese Ideen, wurden von den Vertretern der nationalsozialistischen Kriegsökonomie aufgegriffen, ebenso wie die Organisation der notwendigen Prozesse durch das Management in den industriellen Leitsektoren.

Das spannende Buch von Detlef Hartmann
ist brilliant gedacht und geschlussfolgert, verständlich geschrieben, gut lektoriert, allein das Quellenverzeichnis umfasst 39 Seiten. Das Werk hat 700 Seiten but don´t be afraid. Die braucht man nicht chronologisch zu lesen, genauso wenig, wie man Gramsci und seine Theorie der ´passiven Revolution` kennen muss. Im Vorwort gibt Hartmann einen Überblick über den Taylorismus als politische Technologie, die von Anfang an auf weltweite gesellschaftliche Umbrüche angelegt war. Gut präpariert wählt man dann die Kapitel von besonderem Interesse aus.

Ob wir wollen, ob wir es überhaupt merken oder nicht: Aktuell werden wir einbezogen, passiv gemacht und zugerichtet von der informations- und überwachungstechnischen Innovationsstrategie der herrschenden Klassen. "Die Digitalisierung kennt kein Stoppen: Finden Sie heraus was Modern IT ist und wie moderne Technologien und Ansätze Ihr Unternehmen voranbringen". So oder so ähnlich wird seit Jahren gebetsmühlenartig auf uns eingeredet. Detlef Hartmann hat die Hintergründe dieser Entwicklung im ersten Band von "Krisen, Kämpfe, Kriege" ausführlich am Beispiel des Agierens von Alan Greenspan und des Federal Reserve Board der USA dargestellt und mit Quellen belegt. siehe: Link

"Resistenzen gegen die mentale Zurichtung" durch Informations-und Überwachungstechnologien,
die die Herrschaft des Kapitals erneuern und festigen sollen, sind marginal. So überbieten sich die letzten verbliebenen Zeitungsschreiber in betrüblich applaudierender Berichterstattung über "Deutschland als Drehscheibe" oder "Deutschland mit Schlüsselrolle", weil der Bundesrepublik eine Rolle bei der Logistik des für 2020 von der Nato als "Testmobilmachung" geplanten GROSS-Manövers "Defender 2020" (= Verteidiger) an der russischen Grenze zugewiesen wurde. Dazu das Bundesverteidigungsministerium an die Obleute der Fraktionen im Verteidigungsausschuss: „Mit der US-geführten Übung, ´DEF 20` soll eine schnelle Verlegbarkeit größerer Truppenteile über den Atlantik und durch Europa geübt werden, um sicherzustellen, dass die entsprechenden Verfahren im Krisenfall funktionieren.“

Im Krisenfall?
Die Kämpfe in Mali, Nigeria, Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, in Libyen, in Ägypten, Somalia, Israel /Palästina, Kolumbien, Burundi, in der Türkei, in Syrien im Irak, im Jemen, in Afghanistan, Pakistan, Indien, Myanmar, Thailand und auf den Philippinen befriedigen die Erwartungen der Shareholder der Rüstungsindustrie nicht mehr. Vorkriegsökonomisch ist da mehr drin. Mit dem Projekt HERKULES (!) wurde eine sogenannte ´Weiße IT` entwickelt, um die administrative, organisatorische und logistische Einsatzstruktur der Bundeswehr im Inneren zu etablieren, für Waffensysteme und Aufklärungsdrohnen wurde die ´Grüne (!) IT` kreiert. Aber das Zeug muss verbraucht werden! Nicht kleckern, klotzen! Nachfrage nach mehr neuem, effektiverem Kriegs- und Tötungsgerät muss geschaffen werden. Kleines Licht am Horizont: 13 EU-Milliarden für Aufrüstung, Erhöhung der deutschen Beteiligung an den Nato-Gemeinschaftskosten von 14,8 auf 15,9 Prozent, Erhöhung des deutschen Militärhaushalts bis 2024 um 18 Milliarden jährlich.

Hermann L. Gremliza schließt seinen Artikel "Ich, Josef Stalin (II)" in der Zeitschrift konkret 10/2019 mit dem Absatz:
"Und nach Putin? Noch mal Jelzin? Ein Naziwalny? Ein Shirinenkow? Ich tippe auf den Tretya Mirovaya Voyna, bekannt als: der dritte Weltkrieg."
Detlef Hartmann zitiert Walter Rathenau: "Moderne Kriege sind im Völkerleben das gleiche, was Examina im bürgerlichen Leben sind, Befähigungsnachweise. ... Alle Politik ist Wirtschaftspolitik, Kriegsbereitschaft."


Detlef Hartmann: Krisen, Kämpfe, Kriege Band 2 - Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Aufruhr und Gegenmacht - die Kräfte der sozialen Revolution
1. Exkurs zu den Produkten des Fortschritts: Rassismus, Sexismus, Völkermord
1.1. Rassismus und Sexismus gegen die bäuerlichen Unterklassen
1.2 Völkermord für den Fortschritt
2. Einige Schlaglichter auf den sozialrevolutionären Prozess
2.1 China
2.2 Japan
2.3 Mexiko
2.4 Russland

Kapitel 2: Soziale Revolution und progressistische Gegenoffensive
1. Soziale Revolution in den USA und die Formierung der progressistischen Gegenoffensive
1.1Gegenmacht der ArbeiterInnen
A. MigrantInnen
B. Ausweg aus der Krise: Die Schockoffensive
C. "Animal Spirits" der Schockoffensive: Rassismus, Sexismus, Expansionismus
D. Counterinsurgency und Völkermord auf den Philippinen: Expansion und die Wiederbelebung nationaler Energien
E. Der industrielle und finanztechnische Kern der Innovationsoffensive
F. Der Managementkern der Innovationsoffensive: Taylorismus und Fordismus als "Krieg" gegen die ArbeiterInnen
G. Rassismus und Eugenik zur sozialen Disziplinierung und Säuberung sowie weitere Stränge der progressistischen Offensive
2. Innovationsoffensive in Deutschland
2.1 Die deutschen "Animal Spirits": Weltmachtanspruch, Kriegslust, Rassismus, Genozid, Innovationsoffensive
2.2 Eine Investitionsoffensive von exorbitanter Aggressivität
2.3 Taylorismusangriff, Widerstand, Rassenhygiene
2.4 Imperialismus, Völkermord und Bewirtschaftung des kolonisierten "Humankapitals"
3. Innovation in Japan
4. Innovation in Russland gegen das Kontinuum der sozialen Revolution
5. Resümee der Innovationsoffensive und Exkurs zu Friedrich Nietzsche, dem Philosophen der progressistischen Gewalttäter

Kapitel 3: Absturz in die Vorkriegskrise und ihre Lösung im Krieg der feindlichen Brüder
1. Vorkriegskrise: Der Rückstau aus sozialen Blockierungen
2. Die Erschöpfung des Kriegs und seine Rettung durch Moellendorf und Rathenau
2.2. Kriegsrohstoffabteilung (KRA) und die Organisation der Kriegsökonomie
2.3 Kriegsökonomische Taylorisierung, der serielle Tod und die Geburt der faschistischen Avantgarden
2.4 Die Innovation des finanztechnischen Regimes
2.5 Der Griff der KRA nach Ost- und Mitteleuropa
2.6 "Heimatfront" - Soziale Zerstörung, Ausbeutung, Streiks und "Revolution"

Kapitel 4: Innovationsoffensive von der Kriegsform zur Friedensform (und zurück)
1. "Roaring Twenties" in den USA
2. Das Doublé-Gold der deutschen Zwanziger
3. Innovationskrieg geminderter Intensität in Russland
3.1 Fortgesetzter Krieg gegen die BäuerInnen
3.2 Technologische Entwicklung und der fortgesetzte Krieg gegen die ArbeiterInnen
4. Dauerkrise in Japan

Kapitel 5: Der globale Absturz:

Kapitel 6: Eine Welt unregierbarer Autarkien

Kapitel 7: Die länderüberspannende Kette der sozialen Revolution 1936/37
1. Spanien
2. Frankreich
3. Polen
4. USA

Kapitel 8: Die Wege der feindlichen Brüder aus der Krise in den Krieg
1. Sowjetunion: Die Erneuerung der Gegenrevolution
1.2 Krieg gegen die ArbeiterInnen
1.3 Der sowjetische Weg in den zweiten Modernisierungskrieg der feindlichen Brüder
a. Aufrüstung
b. Krise und Terror 1936 -1938
c. Von der Krise in den Krieg
2. Ausweg aus der Krise - Japans Weg in den Krieg
3. Die Erneuerung deutscher Führung im Prozess innovativer Barbarei
3.1 Die Friedensphase
a. Der produktive Kern der Innovationsoffensive
b. Finanzierung: Die Geburt des Keynesianismus
c. Ausmerzen der Untüchtigen
d. Der Griff nach dem Großraum: Das "großgermanische Reich"
3.2 Die kriegerische Innovationsoffensive als Herstellung des "großgermanischen Reichs"
4. US-Krisenlösung: Der amerikanische Weg in die kriegsökonomische Konkurrenz der feindlichen Brüder
4.1 Der erste "New Deal" auf dem Weg in den erneuten Zusammenbruch von 1937
4.2 Defizitfinanzierte Maßnahmen, Rüstung und neuer Imperialismus
4.3 Pan-amerikanisches Kartell und Clearing-Union als Sprungbretter nach Bretton Woods
4.4. Krieg und Kriegsökonomie
a. Massenvernichtung, Rassismus und technologischer Fanatismus
b. Massenvernichtung im Feuer
c. Die finanztechnische Kriegsfrucht: Das System von Bretton Woods

Resumee

Ausblick

Literaturverzeichnis

Hartmann, Detlef : Krise, Kämpfe, Kriege Band 2: Innovative Barbarei gegen soziale Revolution / Kapitalismus und Massengewalt im 20. Jahrhundert
Berlin Hamburg 03/2019
Assoziation A
ISBN 978-3-86241-454-3 erschienen | 704 Seiten | 24,00 € |
Link


Hartmann, Detlef : Krisen - Kämpfe - Kriege: Alan Greenspans endloser "Tsunami"
Berlin Hamburg 10/2015
Assoziation A
ISBN 978-3-86241-448-2 | 240 Seiten | 14,00 € |
Link

Quelle: Büro gegen Altersdiskriminerung